Das beste Studium der Welt - Redux

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«History», Mosaik von Frederick Dielman. Bild von Wikimedia Commons.

Vor etwa einem Jahr habe ich eine Kolumne für das Historiker-Magazin der Universität Zürich, den Elfenbeintürmer, verfasst, in der ich versucht habe darzulegen, warum Geschichte das beste Studium der Welt sein soll. Als mich kürzlich jemand danach gefragt hat, ist mir aufgefallen, dass der Text nicht mehr länger online verfügbar ist. Und da sich mein Studium rasant dem Ende nähert, schien dies ein guter Moment zu sein, um die Kolumne hier nochmals einzufügen (hauptsächlich, damit ich sie selbst später wieder finde - man weiss ja nie, wann man sowas wieder braucht)

Das beste Studium der Welt

Nicht-Historiker haben manchmal einige Mühe, die Wahl eines Geschichtsstudenten zu verstehen. Einige erklären zwar noch etwas bemüht, Geschichte sei schon «interessant» und habe sie in der Schule auch immer fasziniert – doch wie man sich als ausgebildeter Historiker sein Leben finanzieren kann, bleibt für alle schwer vorstellbar.
Ist Geschichte tatsächlich eine brotlose Kunst und ihre Vertreter sich an obskuren Quellen delektierende Schöngeister, die im Haifischbecken der freien Marktwirtschaft gnadenlos in Stücke gerissen werden? Keineswegs. Denn die Wahrheit lautet ganz simpel: Geschichte ist das beste Studium der Welt.
Das hat nur wenig mit dem insbesondere von professoraler Seite zuweilen vorgebrachten Argument zu tun, aus der Geschichte lasse sich für die Gegenwart und die Zukunft lernen. Das ist zwar nicht per se falsch, aber für wegweisende zukünftige Entscheidungen sind historische Analysen kaum ausreichend. Zumal das historische Faktenwissen eines Geschichtsabsolventen normalerweise, sagen wir mal, fragmentarisch ist.
Der immense Vorteil eines Geschichtsstudiums liegt vielmehr im sich rapide ändernden Umgang mit Informationen. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren Informationen eine knappe Ressource, und der Zugang zu ihnen folglich wertvoll. Mit der rasanten Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat sich das aber radikal geändert. Informationen sind im Überfluss, überall und jederzeit für jedermann vorhanden. Den entscheidenden Vorteil verschafft sich nicht mehr, wer über Informationen verfügt, sondern wer relevante Informationen schnell identifizieren, analysieren und in einen Kontext setzen kann.
Dabei geht es um viel mehr als nur darum, Google richtig bedienen zu können. Zunehmend komplexe Problemstellungen lassen sich nicht mehr mit vorgefertigten Herangehensweisen lösen. Der Erfolg beruht stattdessen darauf, sich Wissen und Kontextinformationen in einem bestimmten Gebiet schnell anzueignen, um es dann anzuwenden – nur um im nächsten Augenblick dasselbe in einem völlig anderen Themengebiet zu tun. Die alte Prämisse vom life long learning wird immer wichtiger, und für Firmen und Organisationen wird die «konstante Innovation» zur Maxime. Und dafür braucht es neben Spezialisten eben auch smarte Generalisten, die sich schnell in neuen Bereichen zurecht finden.
Genau darin sind Historiker gut. Denn Geschichte ist keine Lehre von Fakten und Ereignissen, und auch nicht so sehr eine Lehre von Modellen, die bestimmte Prozesse erklären können. Geschichte ist, in vielerlei Hinsicht, die Wissenschaft vom Umgang mit Informationen. 
Natürlich trifft das auf viele andere geistes- und sozialwissenschaftliche Studiengänge auch zu. Aber schliesslich ist das hier ein Historiker-Magazin. Deshalb nochmals: Geschichte ist das beste Studium, das es gibt. Denn woran es den Historikern definitiv mangelt, ist Selbstvertrauen. Und ohne das wird auch der Rest der Welt nie verstehen können, zu was ein Geschichtsstudium taugt.