Eine Ehrenrettung der historischen Selbstzweifel

Der Lichthof der Universität Zürich - Foto von notfrancois (Flickr)
Eine Ehrenrettung der historischen SelbstzweifelEs ist ein beliebtes Spiel, Studierende bestimmter Fachrichtungen anhand ihrer gemeinsamen Merkmale zu beschreiben: Juristinnen tragen High-Heels, Ökonomen Poloshirts und Ethnos haben alle Rastas und Palästina-Tücher. Für Geschichtsstudenten hingegen scheint es kein eindeutiges äusserliches Merkmal zu geben. Und trotzdem glaube ich, dass es etwas gibt, dass die meisten von ihnen eint: Grosse Selbstzweifel. Des Historikers (und der Historikerin) Selbstzweifel manifestieren sich dabei auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Gibt es eine historische Wahrheit, und wenn ja, können wir sie finden? Ist historische Forschung überhaupt relevant? Und: Was ist der Nutzen der Historie für das Leben? Geschichtsstudenten, so schien mir oft, zelebrieren diese Selbstzweifel geradezu mit einer ans Zynische grenzenden Gleichgültigkeit über die Relevanz des eigenen Tuns. Und obwohl ich dieses Ritual selbst oft mitgemacht habe, haben mich die Selbstzweifel auch immer genervt. Sie schienen mir schlicht nicht angebracht (ich habe vor einiger Zeit in diesen Spalten unter dem Titel «Warum Geschichte das beste Studium der Welt ist» gegen sie angeschrieben). Doch jetzt, am Ende eines langen Studiums, ist mir klar geworden: Diese Selbstzweifel sind gut. Mehr noch: Sie sind essentiell. Als Geschichtsstudent soll man nicht seine Selbstzweifel ablegen - sondern, in einer zugegeben etwas paradox anmutenden Selbstspiegelung - nur die Zweifel an seinen Selbstzweifeln. Denn die Selbstzweifel sind ein Ausdruck der Wissenschaftsauffassung der Geschichte. Geschichte hat sich schon immer sehr intensiv mit sich selbst und ihrer Wissenschaftlichkeit auseinandergesetzt. Dieses Nachdenken führte aber nicht zu einer klaren Methodologie, einer klaren Struktur, einem kohärenten, anwendbaren Gedankengebäude. Es führte, wie das intensives Nachdenken so oft tut, zu einer Reihe von Widersprüchen, zwischen denen sich jede Gewissheit aufzulösen scheint. Diese Unsicherheit, so bin ich heute überzeugt, ist nur oberflächlich eine Schwäche. Denn sie ist auch die Voraussetzung dafür, akzeptierte Annahmen konstant zu hinterfragen und sich selbst und seine Vorgehensweise gewissermassen laufend neu zu erfinden. In einer sich schnell entwickelnden Welt kann diese spezielle Form von Anpassungsfähigkeit, von Adaption, nur von Vorteil sein. Ein angehender Geschichtsstudent hat sich vor einiger Zeit per E-Mail bei mir gemeldet und mich um Ratschläge für sein Studium gebeten. Ich habe bis heute nicht geantwortet. Die Selbstzweifel haben mich daran gehindert, eindeutige Tipps zu geben. Der einzige Ratschlag, den ich geben könnte, ist: Liebe deine Selbstzweifel. Sie sind mühsam; aber sie sind es wert.