Serien ohne System, oder: Darwins und Foucaults radikale Historizität
In seinem Buch "Darwin und Foucault" wagt der Historiker Philipp Sarasin den Versuch, zwei oft zitierte und gleichzeitig oft missverstandene Denker aufeinander prallen zu lassen. Ich habe das Buch als Laie gelesen - ich kenne mich weder mit Darwin noch mit Foucault aus (dass letzterer unter Zürcher Geschichtsstudenten eine begeisterte Anhängerschaft hat, schreckte mich immer etwas ab). Sarasins Buch fand ich erstaunlich leserlich; vieles darin faszinierend und erhellend, einiges aber auch komplett unverständlich.
Eine wesentliche Gemeinsamkeit von Darwins und Foucaults Denken liegt, so denke ich (aber ich vereinfache damit wohl erheblich), in der Sicht auf Geschichte als "Serien ohne System". Darwins Leistung bestand darin, entgegen der vorher etablierten Meinung zu zeigen, dass es keine (von einem Schöpfer erschaffene) Arten gibt, sondern nur stetigen evolutionären Wandel (Sarasin: "Arten sind [...] bloss vorübergehende Stabilisierungen der Konfiguration von Eigenschaften von sich letztlich permanent wandelnden Organismen.") Für Foucault wiederum (er lehnte sich damit an Nietzsche an) zeigte die Evolution, dass es die philosophische "Wahrheit" über den Menschen nicht gibt - es gibt nur Werden, kein Sein.
Sowohl für Darwin als auch für Foucault besteht Geschichte also aus Serien, die aber in keinem System eingeordnet sind. Sie stellen sich damit gleichzeitig gegen eine naturwissenschaftlich-statistische Berechenbarkeit sowie eine philosophische Erklärbarkeit der Geschichte und betonen demgegenüber Wandel, Diskontinuität und Zufall. Weder gibt es aus ihrer Sicht eine Teleologie in der Geschichte (Foucault im Gegensatz zu Marx und Hegel: Machtverhältnisse sind antagonistisch, aber nicht dialektisch) noch gibt es stabile Referenzsysteme: Auch das Subjekt (und der Körper) zerfällt in ein Kontinuum ohne Ursprung und Ausgangspunkt (Foucault: Dinge entstehen aus Ungleichem; Darwin: Ursprung ist metaphysisch und deshalb uninteressant). In Foucaults Worten: "Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Er tritt ständig in einen Prozess ein, der ihn als Objekt konstituiert und ihn dabei gleichzeitig verschiebt, verformt, verwandelt - und der ihn als Subjekt umgestaltet."
In diesem Sinne, glaube ich, denken Darwin und Foucault beide radikal historisch: Indem sie Geschichte als Prozesse (Serien) ansehen, denen weder eine bestimmte Entwicklungsrichtung innewohnt noch ein stabiler Rahmen (Systeme) gegeben ist.
